Erinnerung an den 27. Januar 1945

Unfreiwillig verzogen

Am Jahrestag der Befreiung des Konzentrationslagers Auschwitz, dem 27. Januar, erinnern das Stadtarchiv und der Geschichtsverein Borken an den ehemaligen Bürger der Bergbaustadt, Seligmann Bergenstein. Am 27. August 1855 in Roth bei Marburg geboren, zog Bergenstein mit seiner Ehefrau Jettchen am 10. Dezember1921 nach Borken um. Hier wohnte seine Tochter Emma, die seit 1911 mit Siegmund Appel verheiratet war, im Gellenweg 192 lebte (Heute: Gellenweg 3) und dort gemeinsam mit ihrem Mann ein Metzgergeschäft führte.

Siegmund Appel verstarb im April 1922 im Alter von nur 40 Jahren. Da seine Witwe das Geschäft nicht allein weiterführen konnte, half ihr Vater Seligmann aus. Er hatte in Roth ebenfalls als Metzger gearbeitet. Seligmann Bergenstein, Emma und Siegmund Appel waren Juden.

In den 1920er Jahren lief das Geschäft ausgezeichnet. Vater und Tochter verkauften das Fleisch vor Ort und auf dem Markt in Kassel. Seligmann Bergenstein schlachtete Kühe, Rinder, Kälber, Ziegen und Schafe im eigenen Schlachthaus. Zum Wohnhaus und der Metzgerei gehörten daher eine Scheune, ein Stall und ein Garten. Die Lage änderte sich im Januar 1933 mit der Ernennung Adolf Hitlers zum Reichskanzler. Fortan litten jüdische Bürger unter Ausgrenzungen, Boykotts, Diskriminierungen und rassistischer Gewalt – auch in Borken.

Emma Appel musste am 30. März 1937 ihr Haus für 15.500 Reichsmark verkaufen. Der Gellenweg war in die „Max-Liebermann-von-Sonnenberg-Straße“ umbenannt worden – benannt nach einem antisemitischen, rechtsradikalen Lokalpolitiker. Am 8. November 1938 erlebten Emma und Seligmann die schreckliche Reichspogromnacht in der Bergbaustadt. Kurz nach den Ausschreitungen musste Seligmann Bergenstein am 14. Januar 1939 gezwungenermaßen nach Frankfurt am Main in den Großen Wallgraben umziehen. Dort befand sich ein Sammellager für Juden. Seine Tochter Emma und die Enkelin Edith folgen nur wenige Tage später am 23. Februar 1941.

Seligmann verstarb im Mai 1941 im Alter von 86 Jahren in Frankfurt. Die Todesursache ist unbekannt. Emma Appel und ihre Tochter Edith wurden am 24. September 1942 in die Tötungsstätte Raasiku nach Estland deportiert und dort ermordet. Manfred Appel, der Sohn von Emma und der Enkel von Seligmann, gelang im Dezember 1937 die Flucht in die USA. Seine Auswanderung wurde wahrscheinlich von dem Erlös aus dem Hausverkaufs finanziert. 

Der 71. Stein
Für Emma, Edith und Manfred Appel waren bereits im Jahr 2017 Stolpersteine des Künstlers Gunter Demnig verlegt worden. Jetzt veranlasste Jörg Domes auf den ausdrücklichen Wunsch der Nachfahren und unter Beteiligung des Geschichtsvereins und des Stadtarchivs Borken, dass auch für Seligmann Bergenstein ein weiterer Stolperstein am Gellenweg 3 verlegt wurde.

Er trägt die Inschrift „Hier wohnte Seligmann Bergenstein, Jg. 1855, unfreiwillig verzogen, 1939 Frankfurt/Main, Tot 10. Mai 1941“.

Es ist der 71. Stolperstein, der in Borken zur Erinnerung an die Opfer der NS-Terrorherrschaft verlegt worden ist. Weitere Verlegungen sind geplant, um allen Opfern zu gedenken.

Auf dem Foto sieht man den Erinnerungsort für die jüdische Familie Appel / Bergenstein.

Am 12. Januar 2026 fand eine Feierstunde zum Gedenken an den ehemaligen Borkener Bürger Seligmann Bergenstein statt, die per Handy in die USA und nach Israel übertragen wurde. Die Nachfahren der Familie Appel/Bergenstein nahmen daran virtuell teil.